Brauchen wir einen Schutz der Nacht?

Brauchen wir einen Schutz der Nacht?

In den letzten Wochen werden die Medien vor allem von einem Thema beherrscht: Klimawandel. Der Fokus liegt dabei sehr stark auf Greta Thunberg und Fridays for Future, und leider wird mehr darüber diskutiert, ob Greta eine Marionette ist, wer von ihren Aktionen profitiert und ob Schüler überhaupt befähigt sind, über so komplexe Dinge wie Klimaschutz zu diskutieren. Wer sich mal wirklich mit der Problematik auseinandersetzt wird sehr schnell merken, dass Klimawandel gar nicht so komplex ist, wie manche uns glauben machen wollen, dass die Physik dahinter einfach genug ist für jeden Zehntklässler und dass die Wissenschaft – und übrigens auch Politiker wie Margaret Thatcher und Ronald Reagan bereits vor 30 Jahren wussten, dass wir ein Problem haben. Ein ernsthaftes Problem.

Wer sich mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzt wird aber auch merken, dass Klimawandel nicht unser einziges Problem ist. Wir sind umgeben von Umweltproblemen. Plastikmüll (egal ob Makro- oder Mikro), Giftstoffe im Wasser, Abgase in der Luft, Waldsterben, Artensterben, die Liste nimmt kein Ende und sie wird immer länger. Und da kommen dann irgendwelche Leute und erzählen etwas von Lichtverschmutzung. Wie, noch mehr? Reicht es nicht endlich mal? Müsst ihr uns jetzt auch noch das Licht madig machen und noch mehr Regulationen fordern? Brachen wir das eigentlich, den Schutz der Nacht?

Ja, wir brauchen ihn, und ganz ehrlich, wir wollen ihn auch, und ich werde jetzt versuchen zu erklären, warum Nachtschutz eine Menge mit höherer Lebensqualität zu tun hat.

Foto von Greg Rakozy via Unsplash

Früher war alles ganz einfach. Tagsüber war es hell, teilweise immens hell, bis zu 120.000 Lux. Nachts wurde es dann dunkel. Ein Vollmond hat bestenfalls 0,3 Lux, eine sternenklare Nacht ist dann bei 0,0006 Lux. Zu dunkel? Wir können bei Vollmond sehr gut sehen, und wenn nicht irgendwelche blendenden Lichter vorhanden sind, ist das Licht der Milchstraße hell genug, um einen Schatten zu werfen. Eine sternenklare Nacht ist ein beeindruckendes Erlebnis, dass man sich regelmäßig gönnen sollte.

Aber seien wir ehrlich, eine bewölkte Nacht ist wirklich dunkel und selbst bei Mondlicht klappt es nicht mehr mit Lesen oder irgendwelchen Arbeiten. In Städten kommt natürliches Licht zudem selten auf dem Boden an, weswegen ein Nachtspaziergang durch Paris ohne Straßenbeleuchtung vor dreihundert Jahren für viele in der Seine endete. Also erfanden unsere Vorfahren künstliche Beleuchtung und siehe da, wir waren nicht mehr auf den Sonnentag beschränkt und konnten die Nacht nach Belieben nutzen. Carpe Noctem, nutze die Nacht und mach sie zum Tag!

So die, zugegeben geniale Idee, doch inzwischen wissen wir, dass diese Idee eine Reihe von Problemen mit sich bringt. Die ersten Beschwerden kamen von Naturfreunden, denn das künstliche Licht nahm den Blick auf den Nachthimmel mit seinen Sternen. Dieser Verlust der Nacht wurde bereits in den Werken der Romantik zum Thema, später meldeten sich die Astronomen zu Wort. Viele ausgezeichnete Observatorien wurden stillgelegt, weil es um sie herum einfach zu hell wurde.

Nun ist der Verlust des Sternenhimmels vor allem ein kulturelles Thema und für viele nicht weiter wichtig. Es betrifft nicht unser direktes Überleben, und wir können uns neue Kulturgüter schaffen. Den Sternenhimmel zu verlieren, das ist so ungefähr, als würde die Mona Lisa geschreddert oder die Notre Dame abbrennen. Er ist zu verkraften.

Moment – als Notre Dame brannte war die westliche Welt geschockt und Unmengen von Geld wurden gespendet, um dieses Kulturgut zu schützen. Warum geschieht nicht dasselbe für den Sternenhimmel? Vielleicht, weil wir den so langsam verlieren, dass wir es gar nicht wahrnehmen. Mehr als ein Drittel der Deutschen haben noch nie die Milchstraße gesehen. Was man nicht kennt, vermisst man auch nicht.

Zugvögel im Lichtkegel der World Trade Center Memorial Lights, Foto von Brian Tofte-Schumacher [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Lichtverschmutzung ist also ein kulturelles Problem. Dabei bleibt es aber nicht. Weltweit finden Wissenschaftler Hinweise auf ökologische Folgen nächtlicher Beleuchtung. Betroffen sind dabei fast alle Tiergruppen. Insekten sterben zu Milliarden an Leuchten, Vögel fliegen in beleuchtete Hochhäuser, Fledermäuse verlassen ihre Quartiere, Aale unterbrechen ihre Wanderungen ins Meer, Amseln singen mitten in der Nacht, Wühlmäuse verpassen den Winterschlaf, frischgeschlüpfte Schildkröten finden den Weg zum Meer nicht, Clownsfische schlüpfen nicht mehr aus ihren Eiern, Korallen haben keinen Sex mehr, Bäume werfen ihre Blätter nicht mehr rechtzeitig ab. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Wenn wir die Umwelt schützen wollen, sollten wir also weniger beleuchten. Nun gibt es Bereiche, in denen das Licht nicht so viele Tiere beeinflusst. Im Winter, könnte man argumentieren, sind wenige Insekten unterwegs, die Weihnachtsbeleuchtung stört die also nicht. Sie verbraucht aber Energie. 2009 machte Beleuchtung 14% des Stromverbrauchs der EU aus. Weltweit wurden 1.900 Millionen Tonnen CO2 durch Beleuchtung erzeugt. Wenn wir von Klimaschutz reden, wäre hier doch ein Ansatzpunkt, oder? Um die CO2-Produktion zu reduzieren, wird bei Beleuchtung vermehrt Solarenergie eingesetzt. Die kleinen Solarlampen im Garten kennt jeder. Sie kosten nicht viel, setzen weiße Lichtakzente, und landen nach zwei Jahren im Müll, weil der Akku kaputt ist. Solarzellen sind weder umweltfreundlich zu produzieren noch zu entsorgen, von Green Energy kann hier also keine Rede sein. Und auch große Solaranlagen, ebenso wie Windkraft, sind nicht ohne Probleme. Wirklich nachhaltig wäre also nur, den Stromverbrauch zu reduzieren – und das geht am besten, indem weniger Licht eingesetzt wird.

Um Strom zu sparen rüsten inzwischen viele Gemeinden auf LEDs um, vor allem auf neutralweiße 4000 Kelvin LEDs, denn die waren lange Zeit der „beste“ Kompromiss aus Energieeffizienz und Anwohnerfreundlichkeit. Bei kälterem Licht beschwerten sich nämlich viele über Blendung. Doch auf 4000 Kelvin sind vielen noch zu grell, vor allem, weil wir gerade einen weiteren Trend erleben. Da LEDs so wenig Strom verbrauchen, beleuchten viele Gemeinden heller. Schließlich sparen sie immer noch Energie und Geld und mehr Licht ist ja auch besser für den Menschen, nicht wahr?

Überdimensionierte Beleuchtung in einer Wohnstraße. Foto von Annette Krop-Benesch

Irrtum. Mit steigenden Beleuchtungsstärken in unseren Städten wachsen die Beschwerden der Anwohner. Das beginnt mit der Ästhetik, wenn die malerische Altstadt plötzlich in kaltem, blaustichigen Licht erscheint, wie beispielsweise in Rom. Doch für viele Menschen ist das Licht auch eine gesundheitliche Belastung. Helles, blendendes Licht verursacht Sehstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen. Es kann auch zu Schlafstörungen führen, denn es lenkt ab und erschwert das Einschlafen. In Korea wurde gezeigt, dass der Verbrauch von Schlafmitteln mit der Helligkeit des Wohngebiets in Verbindung steht. Zudem zeigen Studien, dass ein leicht erhelltes Schlafzimmer die Wahrscheinlichkeit für Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht erhöht. Wer wenig schläft, dessen Immunsystem wird geschwächt, und auch die Krebsabwehr leidet. Gute Gründe also, in natürlicher Dunkelheit zu schlafen.

Nun ist Außenbeleuchtung nicht das einzige Licht, dem wir nachts ausgesetzt sind. Raumbeleuchtung, vor allem aber Smartphones, Tablets und eReader haben einen viel größeren Einfluss auf unsere Gesundheit und können sogar die Bildung von Melatonin, dem Hormon, dass unsere innere Uhr und damit unseren Schlaf steuert, unterdrücken. Doch Außenbeleuchtung ist ein weiterer Stressfaktor, zumal wir oft auch keinen Einfluss darauf haben.

Aber brauchen wir die Außenbeleuchtung denn nicht? Schließlich habe ich ja oben geschrieben, dass es ohne Licht nachts in Städten zu dunkel ist. Und in der Tat, ganz ohne Licht funktioniert unser Leben (noch) nicht. Allerdings benutzen wir deutlich mehr Licht, als wir brauchen – und wir beleuchten oft die falschen Stellen. Straßenlaternen beispielsweise sind auf die Straße ausgerichtet, nicht auf den Fußgängerweg. Dadurch sehen Autofahren einen Fußgänger viel zu spät, und es kommt zum Unfall. Sinnvoller wäre eine gleichmäßige Ausleuchtung ohne Hell-Dunkel-Kontraste, bei der der Autofahrer auch den Fußweg gut erkennen kann. Die lässt sich aber nur mit geringeren Beleuchtungsstärken erreichen.

Blendung im Straßenverkehr, Foto von Annette Krop-Benesch

Gefährlich sind vor allem Blendquellen wie hell beleuchtete Tankstellen, Werbeschilder und Schaufenster. Die erzeugen nicht selten ein Lichtchaos, das das Auge des Autofahrers überfordert. Helles Licht blendet, und wir fahren sekundenlang blind – ohne uns dessen bewusst zu sein. In Österreich ist Gewerbe- und Privatbeleuchtung deshalb genehmigungspflichtig, während in Deutschland jeder so hell leuchten darf, wie er will. Dabei würde weniger Beleuchtung unseren Verkehr deutlich sicherer machen und Autofahrer direkt entlasten.

Für Nachbarschaftstreit sorgen vermehrt die Haus- und Gartenbeleuchtung. Dank günstiger LED-Technologie ist es Mode geworden, sein Eigentum in Szene zu setzen. Das kann mitunter auch gut aussehen, kann aber auch dem Nachbarn den Abend ruinieren. Nun kann man vorschlagen, Vorhänge zu nutzen, um das Licht auszusperren. Ein Richter hielt das aber für eine unzumutbare Einschränkung der Möglichkeit, das Schlafzimmer zu lüften. Ein anderer Richter entschied, dass Beleuchtung die Nutzbarkeit des Balkons einschränkt und deshalb abgeschaltet werden muss.

Doch was ist mit Einbrüchen? Rät die Polizei nicht dazu, das Haus zu beleuchten? Zuerst einmal ist anzumerken, dass mehr als 60% der Einbrüche bei Tageslicht und in der Abenddämmerung geschehen. Einbrecher wollen nicht die Hausbewohner treffen, und die sind meisten nachts anwesend. Kommen sie doch nachts hilft ihnen das Licht beim Ausspionieren und Aufbrechen. Die Nachbarn nehmen solche Bewegungen selten war. Auffälliger ist eine Taschenlampe. Wer sein Haus schützen will, sollte, so die Polizei, eher in stabile Fenster und eine Alarmanlage investieren. Dynamische Innenbeleuchtung kann helfen, das erzeugt den Eindruck, jemand sein zu Hause. Auch Bewegungsmelder sind akzeptabel, es sei denn, sie reagieren auf jede Katze oder beleuchten Nachbargrundstücke und Straße.

Es gibt übrigens eine Vielzahl von Untersuchungen zum Thema Licht und Sicherheit. Die sind alles andere als eindeutig. In vereinzelten Fällen sank nach Umbau der Beleuchtung die Kriminalität, etwas häufiger war ein Anstieg des Sicherheitsempfindens, ohne dass sich die Kriminalitätsrate verändert hatte. In den meisten Fällen änderte sich an der Kriminalität nichts, gelegentlich stieg sie sogar. Sehr helles, grelles Licht erzeugte mitunter auch Unwohlsein bei den Anwohnern, die sich wie Gefängnis fühlten. Es sieht so aus, als wäre die Formel nicht mehr Licht, sondern besseres Licht.

Was ist besseren Licht? Gutes Beleuchtung ist auf die Stellen ausgerichtet, die beleuchtet werden sollen. So geht bei der Straßenbeleuchtung etwa ein Drittel des Lichts verloren, beispielsweise an Fassaden oder in den Himmel. Abgeschirmte Leuchten leiten das Licht auf die Straße, reduzieren die Blendung und sparen Strom. Dasselbe gilt für Privatbeleuchtung. Helle Lichtpunkte erzeugen starke Kontraste, an die sich unser Auge nicht anpassen kann. Deshalb ist es besser, weniger zu beleuchten, dafür aber ausgeglichener. Je kälter das Licht ist, also je höher die Farbtemperatur, desto weniger blendet es. Inzwischen gibt es sehr gute, energieeffiziente Straßenleuchten mit 2.700 K, 2.200 K und sogar 1.800 K (sogenannte Amber LEDs).

Lichtverschmutzung ist ein bisher weitgehend unbeachtetes Problem, dabei lässt es sich verhältnismäßig einfach lösen, in vielen Fällen mit dem Umlegen eines Schalters. Von allen Umweltproblemem ist sie vielleicht am einfachsten zu bekämpfen, mit vielen „Nebenwirkungen“:

  • Klimaschutz: Weniger Beleuchten spart Energie und reduziert die CO2-Produktion.
  • Insektenschutz: Die effizientesten Bestäuber sind nachtaktiv und sterben zurzeit zu Milliarden an Leuchten. Zudem stehen Insekten an der Basis der Nahrungsnetze – ohne sie brechen die Ökosysteme zusammen.
  • Vogelschutz: Millionen von Vögel kollidieren mit beleuchteten Strukturen, vor allem während des Vogelzugs.
  • Artenschutz: Viele bedrohte Arten benötigen Dunkelheit für die Nahrungssuche, die Fortpflanzung oder einfach nur für einen ausreichenden Schlaf.
  • Gesundheit: Natürliche Dunkelheit ist das beste Rezept für erholsamen Schlaf und der ist die Grundlage für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität
  • Sicherheit: Ausgewogene Lichtkonzepte erleichtern uns die nächtliche Orientierung und entlasten unsere Sinne, damit wir uns im Verkehr auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren können.
  • Kultur: Wenig hat uns Menschen kulturell so geprägt wie der Blick in die Sterne. Der Nachthimmel ist der Ort für Träume, Visionen und Hoffnungen – und nicht zuletzt der Beginn von Zeitrechnung und Navigation.

Lesetipps:

Wenn Sie mehr über die Ursachen und Auswirkungen von Lichtverschmutzung wissen wollen, werfen Sie einen Blick auf mein Buch „Licht aus!?„. Erscheinungstermin ist der 15. Oktober 2019

Auch lesenswert:

Thomas Posch, Franz Hölker, Anja Freyhoff & Thomas Uhlmann: Das Ende der Nacht. Wiley-VCH, 2013.

Paul Bogard: Die Nacht – Reise in eine verschwindende Welt. Karl Blessing Verlag, 2014. (Originaltitel: The End of Night)

Filmtipp:

Wie eine nachtschonende Beleuchtung aussehen kann zeigt das Beispiel der Gemeinden Kirchschlag bei Linz und Steinbach am Attersee. Sie sind Mustergemeinden, die nach dem österreichischen Leitfaden für Außenbeleuchtung umgerüstet wurden, mit warmweißem Licht auf den Hauptverkehrsstraßen und orangefarbenem Licht in den Wohngebieten. Das Gasthaus schaltet nachts ab, um die Nachbarn nicht zu stören und den Himmel dunkel zu halten. Die Dorfkirche wird mit Schablonen beleuchtet, damit kein Licht vorbeistrahlt und die Nacht unnötig erhellt. Viele Straßenleuchten werden bei Bedarf heller oder schalten sich sogar vollständig ab, wenn niemand da ist.

Beitragsfoto Copyright NASA

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