„Hier ist zuviel Licht!“ Noch ein LightWalk in Berlin

„Hier ist zuviel Licht!“ Noch ein LightWalk in Berlin

Tagtäglich bewegen wir uns durch unsere Stadt, umgeben von Licht. Dabei sind wir so an die bestehende Lichtlandschaft gewöhnt, das wir uns kaum Gedanken darüber machen, wie das Licht eigentlich auf uns wirkt und ob wir es überhaupt brauchen. Diese Frage stellte ich letzte Woche 20 Bundesfreiwilligen, die sich mit mir auf einen LightWalk rund um den Potsdamer Platz in Berlin begaben.

Als Vorbereitung berichtete ich in einem dreistündigen Seminar über die Grundlagen und Auswirkungen der Lichtverschmutzung. Wir sprachen über Vögel, Fledermäuse und Menschen, über Sicherheit, Lichtdesign und darüber, wo Licht stört und wie es sinnvoll eingesetzt werden kann. Viel theoretisches Gepäck also, mit dem sich unsere Gruppe in die Dämmerung begab.

Start war die Potsdamer Straße, und obwohl es noch hell war, kam gleich das Gespräch auf die blinkende Leuchtreklame eines Casinos. „Das nervt ziemlich“, meint ein Teilnehmer. „Man gewöhnt sich dran“, erklärt ein junger Mann gelassen. Und traf damit einen wichtigen Punkt: Wir gewöhnen uns an solche Störfaktoren, sei es Licht oder Lärm, nehmen sie hin in unserem alltäglichen Leben und vergessen, dass sie uns eigentlich stören und sogar unsere Gesundheit belasten. Und weil wir den Vergleich nicht mehr haben, die verschmutzte Umwelt als Norm annehmen, sehen wir keine Notwendigkeit, gegen die Störung anzugehen und unsere Lebensqualität zu verbessern.

Sony-Center von der Potsdamer Straße aus gesehen. Das von innen beleuchtete, teilweise offene „Zeltdach“ strahlt in den Himmel. Auffällig ist eine Reihe greller Scheinwerfer auf der linken Seite des Daches.

Doch genau dieses Hinnehmen wollten wir aufbrechen und so wanderten wir weiter zu einem der hellsten Bereiche Berlins. Vom Matthäikirchplatz aus sahen wir zu, wie sich Berliner Philharmonie, Sony Center und Potsdamer Straße in der Dämmerung veränderten.

Auffällig war eine Reihe von grellen Scheinwerfern auf dem Dach des Sony-Centers. „Die nerven mich gerade total“, so eine Teilnehmerin. „Was beleuchten die eigentlich?“ Nicht das Zeltdach des Sony-Centers, denn dieses wird von unten in wechselnden Farben beleuchtet. Dabei strahlt viel Licht durch die Öffnungen im Dach direkt in den Himmel und macht den Potsdamer Platz von oben gesehen zu einem der hellsten Orte in Berlin.

Die Berliner Philharmonie

Neben dem Sony Center befinden sich die Berliner Philharmonie und die Matthäikirche, beide in gelbes Licht getaucht. Bei beiden Gebäuden fiel auf, was bei Sehenswürdigkeiten üblich ist: Scheinwerfer strahlen die Gebäude von unten an, wobei viel Licht am eigentlich Ziel vorbei strahlt. Als Folge ist der gesamte Bereich hell. „Warum gibt es hier eigentlich Straßenlampen?“ fragt eine Frau. Deren gelbes Licht kommt gut an bei allen, aber die Umgebung ist so voller Licht, dass die Straßenlampen keinen Unterschied mehr machen.

Die Matthäikirche

Dabei geraten auch die Autoscheinwerfer selbst unter Kritik. „Heute sind die so hell“, meint ein älterer Teilnehmer, „dass die Straßenbeleuchtung gar nicht mehr mitkommt. Also muss die heller werden, um die Autos zu überstrahlen.“ Eine junge Frau findet die vielen sich schnell bewegenden Lichter verwirrend. Man wisse gar nicht mehr, wo man hinschauen solle. Besonders schlimm ist es dort, wo sich die Autolichter in den verglasten Gebäuden spiegeln. Keine einfache Situation für Verkehrsteilnehmer.

Weihnachtsbeleuchtung am Leipziger Platz vor der Mall of Berlin

Wir verlassen den Matthäikirchplatz Richtung Spielbank Berlin. Dort erwartet uns Weihnachtsstimmung. Die kahlen Bäume sind voller bewegter Lichter, die optisch auf die Fußgänger herabregnen. „Wie Luft-Boden-Raketen“, kommentiert der älteste Teilnehmer trocken. Besinnlichkeit kommt hier nicht auf und keiner hat das Bedürfnis, zwischen den Ständen des Weihnachtsmarktes entlang zu gehen. Stattdessen bleiben wir auf der dunkleren Seite und machen eine Entdeckung: leuchtende Bänke laden zum Entspannen ein. Sofort werden die Kameras gezückt, aber das grüne LED-Licht lädt nur bedingt zum Verweilen ein.

Das Sony-Center von innen

Nach einem kurzen Blick auf den hell geschmückten Leipziger Platz treten wir in Sony-Center ein. Eine riesige blau-leuchtende Glocke schwingt über uns, wir entdecken Gestalten aus Licht in der verhältnismäßigen Dunkelheit. Viele Menschen sind unterwegs und es funkelt an vielen Stellen, aber dennoch wirkt das Sony-Center ruhiger, besinnlicher, als die Alte Potsdamer Straße mit ihren kaltweißen Lichtschneeflocken.

Wir schauen noch einmal zurück und lassen zwei Hochhäuser am Eingang der Sony-Centers auf uns wirken. Wie ein Schiffsbug ragt vor uns der DB-Tower auf, die Glasfassade hell erleuchtet. „Hier fliegen hunderte von Vögeln dagegen“, sagt ein Teilnehmer. Dahinter die dunkle Ziegelfassade des Kollhoff-Towers.

Kollhoff-Tower (links) und DB-Tower (rechts) vom Potsdamer Platz aus gesehen

Schön sind beide nicht, so die einstimmige Meinung, aber der Kollhoff-Tower wirkt interessanter, weil seine Fassade unterschiedlich beleuchtet wird und sich damit Kontraste und Akzente bilden. Der DB-Tower hingegen wirkt einfach nur langweilig, ja sogar bedrohlich.

Zeit, sich in die Dunkelheit zu begeben. Am Eingang des Großen Tiergartens ist es immer noch  hell genug, Gesichter zu erkennen. Angst vor dem Park, der Wohnort für Obdachlose und Wildschweine sind, hat niemand. „Wir sind aber auch als Gruppe unterwegs“, merkt eine Frau an, „allein würde sich das anders anfühlen“.

Wir folgen einem beleuchteten Weg, der uns bis zur nächsten Straße blicken lässt. Ein Tunnel durch die Dunkelheit. Dann führe ich meine Gruppe weg vom Licht, in den unbeleuchteten Teil. Nicht ganz unbeleuchtet, denn Sony-Center und Philharmonie beleuchten den Park. Über den Himmel kriecht ein Lichtfinger, ein sogenannter Skybeamer. Hell genug hier?

Beleuchteter Weg durch den Tiergarten

Da sind sich alle einig. Die Sicht ist sogar besser als auf dem beleuchteten Weg, denn es lassen sich Strukturen in den Büschen erkennen – und damit auch mögliche Störenfriede. „Auf dem Weg kann man mich sehen, aber ich kann nichts neben dem Weg sehen,“ sagt eine Frau. Die anderen nicken.

Ob eine Stirnlampe nötig wäre, um hier zu joggen? Eher nicht, beim Fahrradfahren wäre ein Licht aber dann doch gut, meint ein junger Mann und kneift gleich die Augen zu, als ein Fahrrad mit greller LED-Lampe an uns vorbei fährt. „Aber es wäre nett, wenn die Leute ihr Licht nach unten ausrichten würden, statt andere zu blenden.“

 

Straße des 17. Juni und Brandenburger Tor

Wir beschließen, im Dunklen weiterzulaufen und überqueren schnell die Straße des 17. Juni, die zum Brandenburger Tor führt. „Ziemlich eng, die Lampen hier. Aber das soll ja auch eine Prachtstraße sein“, sagt ein Teilnehmer. Dunkler ist die Straße, die zum Reichstag führt.

 

 

Reichstag mit – noch nicht beleuchtetem – Weihnachtsbaum

Der Reichstag selbst ist verhältnismäßig wenig beleuchtet, nur der Sicherheitsbereich ist fast taghell. Ich frage mich, wie viel die Sicherheitsleute sehen können, wenn sie in dunklen Tiergarten direkt auf der anderen Straßenseite schauen. Ein großer Weihnachtsbaum steht vor dem Reichstagsgebäude, erleuchtet mit einer warm-weißen Lichterkette. „Das ist doch mal eine schöne Weihnachtsbeleuchtung!“ lobt der älteste Teilnehmer und die anderen sind sich einig. Es wirkt ruhig hier auf dem Platz vor dem Reichstag.

 

DB-Hochhaus hinter dem Tiergarten. Im Vordergrund ein erleuchtetes Kiosk.

Doch um uns herum sind genug Lichtquellen. Das DB-Hochhaus überragt hell erleuchtet den Tiergarten, der jetzt schwarz und undurchdringlich wirkt. Dabei war es dort so hell.

 

 

 

Straßenlampen mit Reflektor

Und noch etwas erregt Aufmerksamkeit. „Was sind denn das für Zahnarztspiegel?“ fragt jemand und zeigt auf die Straßenlampen auf der anderen Seite. Hier strahlt das Licht vertikal nach oben gegen einen schrägen Reflektor, und wird auf die Straße umgeleitet. Dabei strahlt nicht nur viel Licht am Reflektor vorbei, sondern es geht auch Licht verloren. Unnötig verbrauchte Energie also, von der Blendung gar nicht zu reden.

Es ist kalt geworden, und doch sehe ich, wie es in den Köpfen meiner Begleiter arbeitet. „Eigentlich würde es doch auch mit viel weniger Licht gehen,“ ist die Meinung mehrerer Teilnehmer. Ein älterer Herr nimmt sich vor, in Zukunft genauer auf die Beleuchtung zu achten. Er kenne da so ein paar schlechte Beispiele in seinem Bezirk. Damit hat der LightWalk seine Wirkung getan. Alle Teilnehmer werden in Zukunft kritischer durch ihre Stadt laufen und sich fragen, ob das Licht da so eigentlich Sinn macht. Und hoffentlich werden sie die Frage auch an ihren Bezirk stellen. Denn nur, wenn die Bürger gute Beleuchtung verlangen, wird sich auch etwas ändern. Und Lösungen für gute Beleuchtung gibt es genug.

Interessiert an einem LightWalk in Berlin? Kontaktieren Sie mich unter info@nachhaltig-beleuchten.de.

Der Artikel ist auch in en_GB verfügbar.

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