Die Sitten von Odienné bei Nacht: André Chappatte spricht über die Anthropologie von Licht und Dunkelheit

Die Sitten von Odienné bei Nacht: André Chappatte spricht über die Anthropologie von Licht und Dunkelheit

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„Ich erreichte die Provinzstadt Odienné in einem Laster nach einer dreistündigen Tour durch den Bush über unbeleuchtete Sandpisten. Zuerst sahen wir ein paar Lichtpunkte in der Entfernung; dann, nach einer Kurve, erkannten wir im Schein einer einzigartigen Straßenlampe Männer mit Sturmgewehren.“

So begann die Geschichte, die uns André Chappatte, ein schweizerischer Anthropologe, der seit vielen Jahren in Afrika forscht, bei der 7. Berliner Nachtung erzählte. Dazu waren wir im Bullmiller Collection Studio für islamische Kunst in Berlin Kreuzberg zusammen gekommen. Ein stimmungsvoller Ort für einen Vortrag über die Wahrnehmung der Nacht an der Elfenbeinküste, auch bekannt als Côte d’Ivoire. Es ist eine Geschichte über Nacht und Licht, über Dunkelheit und Schatten, über Geheimnisse, und über die Vorstellung des Verbotenen. Es ist eine magische Geschichte.

Und sie beginnt an einem eher unmagischen Ort, an Touba’s Corridor Checkpoint in Côte d’Ivoire um fünf Uhr morgens. Orangenes Lichter beleuchten die Soldaten, die ein Auto überprüfen. Wir sind an einer der vier Kontrollstellen von Odienné, einer Stadt im Nordwesten der Côte d’Ivoire. Côte d’Ivoire, so André Chappatte, ist eine Kulturmacht in Westafrika, mit einer starken Wirtschaft und vielen kulturellen Veränderungen. Alte Traditionen verschwinden hier zugunsten neuer Entwicklungen. Odienné, eigentlich eine eher kleine Stadt, ist auch als Stadt des Presidenten bekannt, da seine Mutter von hier stammt.

Nachtleben in Odienné. Foto von André Chappatte

André Chappatte, Forscher am Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin, hat Odienné für seine Forschung über das Nachtleben ausgesucht. Er hätte auch eine große Stadt wie Abidjan wählen können, die wirtschaftliche Hauptstadt von Côte d’Ivoire, aber André Chappatte interessiert sich nicht so sehr für die großen Zentren. Viel interessanter findet er abgelegene Orte. Odienné ist ein deutlicher Kontrast zu den umgebenden Dörfern, vor allem in Bezug auf Kultur und Zivilisation. Während in den meisten Dörfern nachts nur einzelne solarbetriebene Glühbirnen leuchten, hat Odienné in seine Straßenbeleuchtung investiert und verfügt sogar über ein Kraftwerk. Daher Odienné hat ein stetes Nachtleben.

„Menschen reden nicht gerne über ihr Nachtleben“, erzählt der Anthropologe, „sie geben keine Interviews. Du mußt es selbst erleben.“ Und das hat er, ausgestattet mit Kamera und Mikrofon. Und ist zurückgekommen mit einem Mix aus Fotografien, Kurzfilmen und Geschichten über die Menschen in Odienné.

Odienné bei Nacht ist anders als am Tag. Weicher, einladender. Die Kombination aus Dunkelheit und warmen Straßenlicht verbirgt viele wenig anziehende Orte wie beispielsweise einen Müllberg. So wird die Dunkelheit zum Versteck für das Häßliche, während Lichter das beleuchten, worauf die Bewohner stolz sind und was sie zeigen wollen. Dies ist die ästhetische Funktion des Lichts. Doch Licht erlaubt auch, die Augen zu nutzen. Nur ist Sehen, oder besser das Benutzen der Sinne, bei Nacht eine ganz andere Sache als am Tag. Und das ist es, was die Nacht zu einem so speziellen Ort macht.

Das vielleicht Wichtigste am Nachtleben ist, dass Menschen nun Dinge tun, die sie am Tage nicht tun. Was, so André Chappatte, damit zusammenhängt, das unsere Sinne bei Nacht anders funktionieren als am Tag. Licht ist nicht annähernd so hell wie am Tag, besonders an einem Ort wie Odienné, wo die Straßen mit orangenen Natriumdampflampen beleuchtet werden statt mit modernen, kalt-weißen LEDs. Unsere Sehfähigkeit ist schwächer in diesem Licht, doch unsere übrigen Sinne, Hören, Riechen, Fühlen und zu einem gewissen Grad auch Schmecken, werden schärfer. Wir sind auf eine Kombination dieser Sinne angewiesen. Wir können ein herannahendes Auto von Weitem hören, doch wir wissen nicht, wer der Fahrer ist. So erschafft das Straßenlicht ein Gefühl des Geheimnisvollen. „Nähe in einer urbanen Nacht wird als Schattenspiel empfunden“, sagt André Chappatte, „unser Geist wird sinnlicher.“

Bushaltestelle in Odienné. Foto von André Chappatte

Die Nacht betäubt und verschärft unsere Sinne gleichermaßen. Für die meisten von uns ist sie verbunden mit Furcht und dem Verbotenen. Doch dieses Betäuben und Verschärfen bietet auch Möglichkeiten. Nächte in Odienné sind leise, selbst wenn ein Gruppe von Menschen zusammenkommt um zu feiern. Der Tastsinn wird intensiver, und die Grenze zwischen dem Inneren und Äußeren unserer Präsenz in der Welt verschwimmt, weil die Kraft des Sehens schwindet. Wir erfahren ein Gefühl der Verwundbarkeit, doch keineswegs im negativen Sinn. Die Nacht bringt Privatsphäre, Sinnlichkeit und kognitiven Rückgang, sie erlaubt uns, im Dämmerlicht Verbotenes zu tun. Unsere Sinne und Sinnlichkeit werden zum Führer durch die Welt. Chappattes Verwundbarkeit is keine Schwäche, sondern das Erleben einer Erfahrung außerhalb der Kontrolle unserer kognitiven Fähigkeiten. Die Magie der Nacht lädt uns ein zu einer neuen Erfahrung nqach innen gekehrter Sinnlichkeit, ohne sich uns aufzuzwingen.

Ob wir diese Einladung akzeptieren oder wie wir die Nacht wahrnehmen hängt davon ab, wie wir erzogen wurden. Manche Menschen sehen die Nacht als Zeit zum Feiern, zum Tanzen und sich Amüsieren. Für andere ist es ein Rückzug von der Hektik des Tages. Chappatte zeigt einen Kurzfilm über einen Mann, der um 1 Uhr nachts aufsteht um bis zum Morgen zu beten. Er hat diese Zeit gewählt, weil dann seine Familie schläft und er sich ungestört ins Gebet vertiefen kann.

Und es gibt auch die Menschen, die sich gänzlich von der Nacht ausschließen, indem sie früh zu Bett gehen. Sie haben oft die Vorstellung, die Nacht sei dem Verbotenen gewidmet, eine Zeit voller Sex, Alkohol und Drogen. Eine Vorstellung basierend darauf, dass sie die Nacht nie selbst erlebt haben.

Wie auch immer ein Mensch die Nacht empfindet, André Chappatte ist überzeugt, dass es unmöglich ist, die Nacht durch künstliches Licht zu domestizieren. Hoffen wir, dass er Recht hat und wir die geheimnisvolle Zeit der Nacht in unserem Leben erhalten können.

 

Wer mehr wissen möchte über das Schattenspiel der Nacht und der Wahrnehmung von Nähe, für den hat Andrè Chappatte zwei Leseempfehlungen:

Jun’ichiro Tanizaki: Lob des Schattens: Entwurf einer japanischen Ästhetik. Ein Buch über die Bedeutung von Licht und Schatten in der japanischen Ästhetik.

Edward T. Hall: The Hidden Dimension. Ein Buch über Nähe, persönlichen Raum und seine Bedeutung in unserer Gesellschaft. In Englisch.

 

Der Artikel ist auch in en_GB verfügbar.

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