Der frühe Schüler verschläft den Wurm

Der frühe Schüler verschläft den Wurm

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Es ist fast jeden Morgen dasselbe Spiel: der Wecker klingelt um 6:00 und mein Mann wälzt sich müde aus dem Bett. Während unsere Zweijährige meistens schnell wach wird, um Papa zu folgen, gräbt sich der Dreijährige tiefer in die Federn. Aufstehen? Bitte nicht vor 7:00, besser 7:30. Mir graut es vor dem Schulbeginn.

Wann Menschen aufwachen hängt mit zwei Dingen zusammen: mit unserer inneren Uhr und unserem Wecker. Ich bevorzuge ersteres. Weil es gesünder ist. Und produktiver. In allen unseren Zellen gibt es kleine Uhren, die unseren Tagesrhythmus bestimmen. Dabei ist nicht jeder Mensch gleich. Wir unterscheiden zwischen Frühaufstehern, den Lerchen, und Nachtmenschen, den Eulen. Und vielen Typen, sogenannten Chronotypen, dazwischen. Welcher Typ wir sind bestimmen unsere Gene, und egal, welche Tricks wir anwenden, wir werden uns nie von einer Eule in eine Lerche verwandeln.

Das stimmt eigentlich nicht ganz, denn im Laufe unseres Lebens verändert sich unser Chronotyp. Kleinkinder sind Lerchen (sehr zum Leidwesen der meisten Eltern), während Teenager zu Eulen werden. Erst ab etwa unserem zwanzigsten Lebensjahr verschiebt sich unser Chronotyp langsam wieder Richtung Lerche.

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Eulen haben es nicht leicht in unserer Gesellschaft. „Der frühe Vogel fängt den Wurm!“, „Morgenstund hat Gold im Mund!“, das waren die Worte, mit denen mein Großvater mich morgens aus dem Haus jagte, wenn ich mich, noch im Tiefschlaf und mit leerem Magen, auf den Weg zur Schule machte. Schulbeginn war 7:25 und weder auf dem Fahrrad noch im Klassenraum war ich zu der Zeit wach.

Folgen des frühen Schulbeginns

Wie mir geht es vielen Schülern. Früher ins Bett gehen heißt es dann oft, und um den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden, hat die American Academy of Sleep Medicine sogar einen Online-Rechner herausgegeben, der anhand von Alter und geforderter Aufstehzeit berechnet, wann das Kind ins Bett muss. Ob der allerdings funktioniert bezweifeln nicht nur Teenager und Eltern, sondern vor allem Chronobiologen. Denn die sagen, nicht nur die Schafdauer ist wichtig, sondern auch dass der Schlaf dann stattfindet, wenn er in unseren biologische Rhythmus passt. Bei Teenagern schließt das 7:00 morgens noch mit ein.

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Doch statt entsprechend ihrer inneren Uhr noch zu schlafen, kämpfen sich unzählige übermüdete Schüler in die Schule und versuchen, Matheaufgaben zu lösen und Vokabeln in ihren Kopf zu bekommen. Kein Wunder also, dass viele Schüler über Müdigkeit und Konzentrationsprobleme in den ersten Unterrichtsstunden klagen. Das bestätigen auch die Klausurergebnisse: Klassenarbeiten, die in der 3. oder 4. Stunde geschrieben werden fallen besser aus als solche in den ersten zwei Stunden. Vergleicht man die Lerchen und Eulen unter den Teenagern zeigt sich, dass Lerchen klar im Vorteil sind: sie schreiben bessere Noten, beenden die Schule mit einem besseren Abitur und haben damit bessere Startchancen. Dabei sind sie keineswegs intelligenter oder fleißiger als ihre Altersgenossen – sie haben einfach nur Glück, dass die Schulzeiten zu ihrem Biorhythmus passen.

Doch der frühe Schulbeginn wirkt sich nicht nur negativ auf Noten aus: Eulen leiden unter ständigem Schlafdefizit. Gerade bei Jugendlichen ist ausreichend Schlaf aber wichtig für die Entwicklung des Gehirns. Schlafmangel wird mit einer Vielzahl von Krankheiten in Verbindung gebracht, beispielsweise ADHS, Adipositas und Osteoporose. Wer unausgeschlafen ist, greift auch eher zu Stimulanzen wie Kaffee oder Energy-Drinks. Und wer als Jugendlicher nicht lernt, richtig zu schlafen, der lernt es meist sein ganzes Leben nicht.

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Früher ins Bett gehen ist ein gut gemeinter Rat, funktioniert aber nicht, da die innere Uhr noch nicht auf Schlaf programmiert ist. Stattdessen liegen die Teenager wach und schlafen möglicherweise noch später ein. Sinnvoller wäre es, den Schulbeginn nach hinten zu verlagern. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. Schulen in Deutschland, USA, Chile, Island und Malaysia berichten von motivierteren und leistungsfähigeren Schülern. Die amerikanische Organisation Start School Later berichtet, dass es in Schulen, die ihren Unterrichtsbeginn nach hinten verlegt haben, weniger Fälle von Depressionen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Fehlzeiten und Disziplinarakten gibt. Die Schüler sind konzentrierter und schreiben bessere Noten. Auf Rhode Island stellte man auch fest, dass die Schüler weniger häufig zum Arzt gingen. Daraufhin sprach der Verband amerikanischer Kinderärzte 2014 die Empfehlung aus, die Schule solle nicht vor 8:30 beginnen.

Es gibt auch Gegenstimmen – aber keine guten Argumente

Trotz aller guter Erfahrungen gibt es aber noch immer Widerstand gegen einen späteren Schulanfang. Hier einige Argumente:

Ein späterer Schulbeginn ist zu teuer, weil die Busfahrpläne umgestellt werden müssen: Verschiedene Städte in den USA haben ihren Busfahrplan an die späteren Zeiten angepasst und dabei sogar Geld gespart. Einsparpotential gibt es auch bei der Stromrechnung, denn die Schulbeleuchtung brennt nicht in den Morgenstunden. Auch sollte die Verkehrssicherheit nicht vergessen werden: übermüdete Schüler sind im Straßenverkehr gefährdeter, egal ob zu Fuß, im Bus, auf dem Fahrrad oder im eigenen Auto.

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Eltern haben Probleme, ihre Kinder in den Morgenstunden zu betreuen: Als Mutter kann ich das Problem der Kinderbetreuung sehr gut nachvollziehen. Wie die meisten Eltern in meinem Umfeld haben wir aber eher das Problem, dass wir zu früh den Arbeitsplatz verlassen müssen, um die Kinder rechtzeitig abzuholen. Hier handelt es sich also mehr um eine zeitliche Verlagerung des Problems.

Späterer Schulbeginn bedeutet späteres Schulende und damit zu wenig Freizeit: Erfahrungen mit Ganztagsschulen zeigen, dass Schüler immer noch genug Zeit für eigene Interessen haben. Ausgeschlafene Teenager können ihre freien Stunden am Nachmittag besser nutzen. Und statt früh ins Bett zu gehen und sich schlaflos hin und her zu wälzen können auch die Abendstunden mit interessanten Dingen gefüllt werden.

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Teenager müssen lernen, ihre Schlafzeiten der Gesellschaft anzupassen: Teenager haben keine freie Entscheidung über ihren biologischen Rhythmus, genauso wenig wie Erwachsene. Statt uns also entgegen unserer Biologie und auf Kosten unserer Gesundheit in ein Schema pressen zu lassen, sollte sich unsere Gesellschaft unserer Biologie anpassen. Das Ergebnis sind leistungsfähigere, gesündere Menschen. Eine Studie der RAND Corporation schätzt, dass ein US-weiter späterer Schulbeginn der US-Wirtschaft nach zehn Jahren einen Gewinn von $83 Milliarden bringen würde. Wendy Troxel, eine der Schlafforscherinnen bei RAND geht davon aus dass die Zahlen sogar weit höher sind.

Betrachtet man alle medizinischen und ökonomischen Studien und vergleicht die realen Erfahrungen gibt es kein haltbares Argument gegen einen späteren Schulbeginn. Im Gegenteil, der heute übliche Schulbeginn ist eine Belastung für die Gesundheit, die Sicherheit und die Fähigkeit, zu lernen.

Doch noch ein paar Tipps zum Schlafengehen

Zwar können wir unseren Chronotyp nicht ändern, aber wir können an unserer inneren Uhr drehen. Auch gibt es einige Dinge, die uns wach halten. Hier sind ein paar Tipps, wie sie Ihren Kindern und sich selbst helfen können, einzuschlafen.

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Das richtige Licht zur richtigen Zeit: Der wichtigste Faktor für die innere Uhr ist Licht. Ohne Licht wird das Hormon Melatonin gebildet, dass den Körper in den Schlafzustand bringt. Am besten funktioniert dass, wenn wir tagsüber viel Licht bekommen und nach Sonnenuntergang nur wenig oder möglichst warm-weißes Licht. Blaues Licht hält uns wach. Deshalb sollte man eine halbe bis ganze Stunde vor dem Einschlafen auf Fernseher, Tablets, Smartphones, Ebook-Reader und Computer verzichten. Immer mehr dieser Geräte haben einen Blaufilter, wer also gar nicht ohne kann, für den ist der Filter ein Muss. Besser ist es, vor dem Schlafen bei warmen Licht ein Buch zu lesen oder im Kerzenschein zur Ruhe zu kommen. Auf keinen Fall im Bett fernsehen!

Das richtige Schafzimmer: Eigentlich gilt, dass ein Schlafzimmer nur zum Schlafen genutzt werden sollte, aber das ist bei Teenagern selten der Fall. Dennoch sollte das Zimmer nachts möglichst dunkel und ruhig sein. Auch die Raumtemperatur sollte absinken. Ein gemütliches Bett kann Wunder wirken: Wer sich gerne in sein Bett kuschelt, der schläft auch besser. Glow-in-the-Dark Deko und Nachtlichter können zum Träumen anregen, aber Hände weg von blauem Licht!

Den Kopf frei machen: Gerade Teenager haben viel zu verarbeiten. Schule, Freunde, Medien, all diese Eindrücke gehen gerade abends durch den Kopf. Nehmen Sie unangenehme Gedanken nicht mit ins Bett. Geben Sie Ihren Kindern die Möglichkeit, Erlebnisse und Sorgen vorher zu besprechen.

Auch Social Networks haben Feierabend: Immer erreichbar sein ist das Credo unserer Zeit und viele Teenager werden von Social-Network-Nachrichten aus dem Schlaf gerissen. Doch das Smart-Phone gehört nicht ans Bett, gechattet wird erst wieder am nächsten Morgen. Die Nacht gehört dem Schlaf.

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Schlafen ist wichtig, keine Zeitverschwendung: Teenager stehen unter starkem Druck durch die Schule. Oft denken sie noch im Bett über die Hausaufgaben nach oder bereiten sich auf die nächste Klausur vor. Die Idee, dass Schlaf Zeitverschwendung ist, steckt immer noch in vielen Köpfen fest und beeinflusst auch Teenager. Machen Sie Ihren Kindern – und auch sich selbst – klar, dass Schlaf wichtig ist, um leistungsfähig zu sein. Wer übermüdet ist, schreibt keine guten Klausuren. Auch wird neu Gelerntes erst im Schlaf festgeschrieben, sonst ist es am nächsten Morgen vergessen. Schlaf ist also keine Zeitverschwendung, sondern genauso wichtig für die Klausurvorbereitung wie das Lernen am Schreibtisch.

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