Covid-19: Können Melatonin und Vitamin D helfen?

Covid-19: Können Melatonin und Vitamin D helfen?

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Zurzeit beschäftigt uns vor allem ein Thema: Covid-19. Viele setzen ihre Hoffnung in einen Impfstoff, doch es ist nicht weniger wichtig, Therapien zu finden und sich vor Ansteckung zu schützen. Das Internet ist voll von Tipps, wie das Immunsystem unterstützt werden kann, einige davon sind gut, andere sind Unfug, manche sind Geldmacherei. Deshalb hatte ich die Idee, meinen Lesern ein paar grundlegende Tipps zu geben, wie Sie Ihr Immunsystem ohne Zusatzkosten unterstützen können: durch richtiges Licht, ausreichende Dunkelheit und gesunden Schlaf. Diese bewährten Mittel finden nämlich noch immer zu wenig Beachtung in der Gesundheitsvorsorge.

Natürlich dachte ich dabei vor allem an Melatonin, doch ich wollte mir auch mal anschauen, ob das „Sonnenvitamin“ D helfen kann. Ich hatte keine Ahnung, dass ich damit genau auf einen Covid-19-Forschungsbereich stoßen würde, in dem sich gerade einiges tut. Denn während die meisten Berichte von Chloroquin und Remdesivir sprechen, zeigen Untersuchungen, dass Melatonin und Vitamin D eine bedeutende Rolle spielen könnten, und zwar sowohl in der Prophylaxe, wie auch in allen Stufen der Therapie.

Um eines ganz klar zu machen: Keines dieser Hormone wird Sie im Alleingang davor schützen, an Covid-19 zu erkranken. Sie sind auch keine Wundermittel, um wieder gesund zu werden. Aber der richtige Umgang mit Licht und eine ausreichende Versorgung mit Melatonin und Vitamin D kann Ihren Körper dabei unterstützen, das SARS-Cov2-Virus zu bekämpfen und vielleicht das Zünglein an der Waage im Verlauf dieser Erkrankung bei Ihnen sein. Für Mediziner bieten sich außerdem selbst bei schweren Verläufen die Möglichkeit, nebenwirkungsfrei andere Medikamente zu ergänzen und damit die Chancen der Patienten zu verbessern.

Wie SARS-Cov2 auf unseren Körper wirkt

Bild von Frank Pfeiffer auf Pixabay

SARS-Cov2 ist ein Virus aus der Gruppe der Coronaviren, Die meisten davon sind ziemlich harmlos, doch sie sind auch Erreger der schweren Erkrankungen SARS (2003) und MERS (2012), die beide schnell eingedämmt wurden. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen im Herz-Kreislaufbereich, an der Lunge, sowie Menschen mit unterdrücktem Immunsystem, Adipositas, Diabetiker, Krebserkrankte und Raucher. Auch haben Männer ein höheres Risiko als Frauen.

Das Wissen über SARS-Cov2 wächst ständig und unser ursprüngliches Verständnis der Krankheit SARS-Cov2 hat sich deutlich erweitert. Das Virus gelangt über die Atemwege in die Lunge und löst Symptome ähnlich einer Lungenentzündung aus. Flüssigkeit dringt in die Lungenbläschen ein und erschwert den Gastransport. In schweren Fällen wird der Patient künstlich beatmet. Im nächsten Schritt dringt das Virus in die Wand der Blutgefäße ein und führt dort zu Entzündungen. Auch bei milden Fällen kann es hierdurch zu erhöhtem Blutdruck und vermehrter Blutgerinnung, also der Bildung von Thromben, kommen. Die Blutgefäße der Lunge werden durch Mikrothromben verstopft, so dass kein Sauerstoff mehr ins Blut gelangen kann [1,2]. Größere Thromben können Lungenembolien, Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen. Daher sind die üblichen Todesursachen bei Covid-19 akutes Lungenversagen (ARDS), akutes Herzversagen und Schlaganfall.

Eine weitere häufige Komplikation bei Covid-19 ist der sogenannte Zytokinsturm. Zytokine, zu denen Interleukine und Interferone gehören, werden von Zellen des unspezifischen Immunsystems, den Makrophagen freigesetzt. Sie lösen eine Entzündungsreaktion mit Fieber aus, die eigentlich das Immunsystem unterstützt. Bei einem Zytokinsturm kommt es zu einer Überreaktion bei der die Entzündung außer Kontrolle gerät. Es dringt verstärkt Flüssigkeit in in die Lunge ein, was wiederum Lungenödeme und akutes Lungenversagen (ARDS) auslösen kann.

Covid-19 ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern, die Ärzte vor viele Rätsel stellt. Stück für Stück lösen wir dieses Rätsel und suchen nach Therapieansätzen. Einige Wissenschaftler haben dabei zwei körpereigene Stoffe unter die Lupe genommen, Melatonin und Vitamin D. Beide haben vielfältige Funktionen im Körper und einige davon können gegen SARS-Cov2 von großem Nutzen sein. Werfen wir einen Blick auf diese beiden Stoffe und was genau sie im Körper tun.

Dunkelhormon Melatonin

Bild von IceRedfield auf Pixabay

Ist die Sonne untergegangen, beginnt unser Gehirn mit der Produktion des Hormons Melatonin. Fast alle physiologischen Vorgänge im Körper folgen einem Tag-Nacht-Rhythmus, der durch Melatonin gesteuert wird. Unterdrückt wird die Melatoninbildung durch blaues Licht, wie es reichlich in Sonnenlicht, aber auch im LED-Licht von Computern, Smartphones, Tablets und E-Readern vorhanden ist.

Melatonin versetzt unseren Körper in einen Ruhe- und Regenerationszustand. Deshalb wird es auch oft als Schlafhormon bezeichnet; ohne Melatonin finden wir keinen erholsamen Schlaf. Die Leistungsfähigkeit unseres Immunsystems wiederum basiert auf ausreichend guten Schlaf. Wer weniger als 6 Stunden pro Nacht schläft hat eine höheres Risiko für Übergewicht und Bluthochdruck – beides Risikofaktoren bei Covid-19 – und eine messbar geringere Immunabwehr.

Melatonin spielt aber auch unmittelbar eine Rolle bei der Abwehr von Krankheiten. Russell Reiter, der sich seit den 70ern mit Melatonin beschäftig, sieht eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten bei der Behandlung von Covid-19 [3] – eine Meinung, die auch von anderen Wissenschaftlern geteilt wird.

Makrophage nimmt SARS-Cov2 in sich auf (Zeichnung von Annette Krop-Benesch)

Melatonin ist von Beginn an der Immunabwehr beteiligt. Im ersten Schritt der Immunabwehr, lange vor der Bildung von Antikörpern, werden eindringende Viren und Bakterien durch Makrophagen aufgenommen und zerstört. Melatonin ist einer der Stoffe, durch die Makrophagen aktiviert werden. Es ist auch einer der Stoffe, die Zytokine freisetzen und damit eine Entzündung auslösen. Bei Menschen mit leichtem Verlauf scheint das unspezifische Immunsystem zur Abwehr von SARS-Cov2 auszureichen. Sind ausreichend Zytokine vorhanden, stoppt Melatonin deren Ausschüttung und verringert damit die Wahrscheinlichkeit eines lebensbedrohlichen Zytokinsturms [4]. Es ist also auch entzündungshemmend. Bei Diabetikern, Multipler Sklerose und akuten Entzündungsreaktionen konnte bereits eine Senkung der Zytokin-Werte durch Melatoningabe [5] erreicht werden.

Reicht das unspezifische Immunsystem nicht aus, kommt das spezifische Immunsystem zum Einsatz, wieder unter Mitwirkung von Melatonin. Zellen, in die das Virus eingedrungen ist, zeigen dies durch die Präsentation viren-eigener Proteine, sogenannter Antigene, an ihrer Oberfläche an. Diese Antigene werden von Lymphozyten aufgenommen, die dann mit der Produktion von Antikörpern beginnen. Auch die befallenen Zellen selbst werden von den Lymphozyten zerstört.

Lymphozyt (Bild von National Cancer Institute)

Natürlich versuchen Viren, dieses System auszutricksen. Es gibt Hinweise darauf, dass SARS-Cov2 die Aktivität von Lymphozyten blockiert [6]. In einer Fallstudie aus Australien [7] erholte sich eine Patientin nach einem Anstieg der Lymphozyten. Melatonin ist an der Bildung der Lymphozyten beteiligt, bei einem Mangel an Melatonin könne daher nicht ausreichend Lymphozyten gebildet werden.

Hilfreich bei Covid-19 könnte auch die Wirkung von Melatonin auf die Blutgefäße sein. In Tierversuchen wurde nachgewiesen, dass es die Blutgefäße entspannt und so den Blutdruck merklich senkt [8]. Das würde der gestörten Blutdruckregulation durch die Blockade des ACE2-Rezeptors entgegenwirken.

Ein allgemeines Problem bei Viren ist, dass sie freie Radikale erzeugen, hochaktive Moleküle, die Körperzellen zerstören. Bei Covid-19 sind diese verantwortlich für den massiven Schaden an Lungenbläschen und Blutgefäßen. Melatonin ein erstklassiges Antioxidans [9], das zehnmal mehr freie Radikale bindet als die Vitamine C oder E, sogar, anders als Vitamine, auch im Gehirn. Damit wirkt eine ordentliche Portion Dunkelheit deutlich besser als Orangen oder Gojibeeren – und ist auch wesentlich billiger.

Besonders viele Radikale entstehen bei der künstlichen Beatmung. Hier erhält der Patient große Mengen Sauerstoff, wodurch viele hochreaktive Sauerstoffradikale gebildet werden. Sie führen unter anderem zu einer Vernarbung der Lunge und damit zur Lungenfibrose, eine mögliche Folgeerscheinung selbst bei mildem Covid-19-Verlauf. Bereits 2005 konnte an Neugeborenen gezeigt werden, dass Melatonin die durch freie Radikale entstehende Entzündung und den Schaden in der Lunge reduziert [10] und die zugrunde liegenden zellulären Mechanismen sind bekannt [11].

Gerade bei Intensivpatienten könnte Melatonin noch einen weiteren Nutzen haben. Die starke psychische Belastung durch Schmerz und Angst erhöht das Sterberisiko und hinterläßt auch bei Überlebenden Spuren. Mit Melatoningaben kann die Dosis an Beruhigungsmitteln gesenkt werden [12]. Auch schlafen die Patienten besser [13], eine wichtige Hilfe für einen Körper, der ums Überleben kämpft.

Bild von Amol Sharma auf Pixabay

Melatonin alleine kann sicher kein Covid-19 heilen, es kann aber andere Medikamente unterstützen. Alex Shneider [9] geht aufgrund verschiedener Studien davon aus, dass eine Kombination mit Melatonin die Wirkung von Remdesivir, Ribavarin, Chloroquin/Hydroxychloroquin und Methylprednisolon verbessern und die Nebenwirkungen senken könnte. Er empfiehlt daher dringend klinische Tests, vor allem, weil Melatonin zwei Vorteile hat: Es ist als Medikament kostengünstig und, viel wichtiger, die einzigen Nebenwirkungen bei Kurzzeitbehandlung, selbst bei hohen Dosen, sind Müdigkeit und Konzentrationsstörungen.

Melatonin spielt also an verschiedenen Stellen eine Rolle bei der Abwehr von SARS-Cov2. Haben wir im Alltag genug davon? Wahrscheinlich eher nicht, auch wenn flächendeckende Zahlen fehlen. Melatonin wird ausschließlich bei Dunkelheit gebildet, wir aber erhellen unsere Abende mit künstlichem Licht, schauen bis spät auf blaustichige LED-Displays, und selbst unsere Schlafzimmer sind meist heller als gut für uns wäre. Hilfreich für eine gute Melatoninbildung ist zudem viel Sonnenlicht am Tag. Dann wird das Hormon Serotonin gebildet, das der Ausgangsstoff für Melatonin ist. Serotonin kann zurzeit schon allein deshalb nützlich sein, weil es die Stimmung hebt, Ängste lindert und Aggressionen senkt. Deshalb wird es auch gerne als Glückshormon bezeichnet. Wir verbringen allerdings viel zu viel Zeit in düsteren Innenräumen.

Besonders häufig ist Melatoninmangel bei älteren Menschen. Die Melatoninproduktion ist natürlicherweise bei Kindern am höchsten und nimmt im Alter ab. Das ist ein Grund, warum alte Menschen häufiger Schlafprobleme haben. Besonders betroffen sind Bewohner von Pflegeheimen oder Krankenhauspatienten, denn sie verbringen ihre Tage in schummrigen Räumen und die Nächte im Halbdunkel aus Flur- und Notbeleuchtung. Es passt aber auch mit dem Muster zusammen, dass Kinder seltener schwere Covid-19-Verläufe haben, während die Krankheit vor allem ältere Menschen betrifft. Interessant ist in jedem Fall, dass Melatonin-Mangel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrankheiten, Diabetes und Immunschwächen eine Rolle spielt, also den Risikofaktoren für Covid-19. Ein Zufall?

Sonnenvitamin D

Bild von StockSnap from Pixabay

Außer Serotonin löst Sonnenlicht auch die Bildung des Hormons Cholecalciferol, besser bekannt als Vitamin D, aus. Hierfür brauchen wir UV-B-Strahlung, die auf möglichst große Bereiche unserer Haut trifft. Die meisten Menschen denken bei Vitamin D nur an starke Knochen. Was viele nicht kennen ist seine Rolle bei der Immunabwehr und – für Covid-19 besonders wichtig – bei der Blutdruckregulation. In den letzten Wochen hat sich eine rege Diskussion über Vitamin D und Covid-19 entwickelt, denn es gibt einige vielversprechende Forschungsergebnisse.

Schon länger wird angenommen, dass Vitamin D vor Atemwegsinfekten schützen kann. Eine aktuelle Meta-Studie [14] von Martineau et al., erschienen in der renommierten Zeitschrift Lancet, kommt nach Sichtung von 25 Studien mit mehr als 11.000 Teilnehmern zu dem Ergebnis, dass eine regelmäßige Einnahme von Vitamin-D-Präparaten oder ein auf natürlichem Wege ausreichender Vitamin-D-Status die Wahrscheinlichkeit einer Atemwegserkrankung reduziert.

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Allerdings ist Vitamin-D-Mangel erschreckend häufig, denn wir halten uns nur noch selten an der Sonne auf und selbst dann legen wir – nicht ohne Grund – sehr großen Wert auf Sonnenschutz, der das notwendige UV-B blockiert. UV-B-Strahlung gibt es in ausreichender Menge nur mittags, wenn die Sonne am höchsten steht und wenn die Sonnenschutzempfehlungen davon abraten, ungeschützt in die pralle Sonne zu gehen.

Laut einer 2016 veröffentlichten Untersuchung des Robert-Koch-Instituts [15] sind etwa 30 Prozent der Erwachsenen unterversorgt. Dabei muss man wissen, dass in Deutschland ein Vitamin-D-Wert ab 20 ng/ml als ausreichend gilt, während Wissenschaftler verstärkt eine Grenze von 30 ng/ml empfehlen. Vitamin-D-Mangel nach WHO-Maßstab ist also sogar noch häufiger. Das Risiko für Vitamin-D-Mangel steigt mit dem Alter, und ist dann bei Männern häufiger, da ältere Frauen oft Vitamin-D-Präparate gegen Osteoporose nehmen.

Noch mal zur Erinnerung: Das Risiko für Covid-19 steigt mit dem Alter und ist höher für Männer. Dazu kommen, das wird niemanden überraschen, saisonale Schwankungen: Vor allem im Winter produziert der Körper nicht genug Vitamin D. Nicht nur gibt es dann aufgrund des niedrigen Sonnenstandes weniger UV-B-Strahlung, wir verbringen auch weniger Zeit an der Sonne – und wenn, dann meist gut eingemummelt gegen die Kälte. Haut zeigen im Winter? Brrr….

Deutschland ist nicht das einzige Land mit Vitamin-D-Mangel. Besonders Italien und Spanien zeichnen sich durch niedrige Werte aus. Dort ist die Sonneneinstrahlung so stark, dass vor allem ältere Menschen sie Sonne eher meiden. In skandinavischen Ländern hingegen ernähren sich die Menschen fettreich und sind durch Vitamin-D-Präparate ausreichend versorgt.

Drei britischen Wissenschaftlern [16] war aufgefallen, dass Italien und Spanien viele schwere Verläufe von Covid-19 und viele Tote haben, während Dänemark, Norwegen und Finnland bisher gut dastehen. In einer wie sie selbst sagen „kruden“ Studie fanden sie einen Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Vitamin-D-Status eines europäischen Landes und der Anzahl der Covid-19-Toten pro 1 Millionen Einwohner. Auch einige türkische Wissenschaftler um Murat Kara [17] und einige US-Amerikaner um William Grant [18] sehen hier einen Zusammenhang.

Theorie ist schön, Praxis ist besser und in der Tat gibt es klinische Berichte, die diese Idee unterstützen. Eine retrospektive Untersuchung [19] getesteter Personen in der Schweiz ergab einen signifikant niedrigeren Vitamin-D-Status in den positiv getesteten Personen. Auch hier vermuten die Autoren, dass ein hoher Vitamin-D-Status das Infektionsrisiko senken kann.

Es gibt auch erste Studien, in denen der Vitamin-D-Status individueller Patienten mit der Schwere ihrer Covid-19-Erkrankung korreliert wurde. So fanden zwei bei SSRN im Pre-Review veröffentlichte, retrospektive Studien einen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Status und Schwere der Erkrankung. Die indonesische Studie [20] fand ein 10-fach erhöhtes Sterberisiko für Patienten mit Vitamin-D-Mangel und die philippinische Studie [21] an 212 Erkrankten kam zu dem Ergebnis, dass Patienten mit einem Vitamin-D-Status von 30 ng/ml oder etwas höher eine fast 20-mal höhere Chance auf einen milden Verlauf hatten als solche mit Vitamin-D-Mangel nach WHO-Standard.

Das Vitamin D selbst bei Intensiv-Patienten noch von Nutzen sein könnte legt eine US-amerikanische Studie [22] an 31 beatmeten Patienten von 2016 nahe: Die hochdosierte Gabe von Vitamin D verkürzte den Krankenhausaufenthalt – und das ohne Nebenwirkungen.

Wie beim Melatonin sind für Vitamin D verschiedene Abläufe bekannt, die die positive Wirkung des Hormons erklären. Ähnlich wie Melatonin ist Vitamin D an der Aktivierung der Makrophagen und der Regulierung der Zytokin-Freisetzung beteiligt. Damit ist es ein wichtiger Teil des unspezifischen Immunsystems und kann ebenfalls helfen, einen Zytokinsturm zu verhindern.

Wirklich interessant wird Vitamin D in Bezug auf den ACE2-Rezeptor, der SARS-Cov2 als Eintrittspforte in die Wirtszelle in Lunge oder Blutgefäßwand dient. Normalerweise sorgt der ACE2-Rezeptor für eine Weitung der Blutgefäße, insbesondere am Herzen, was den Blutdruck senkt. Außerdem hemmt er Entzündungen und schützt die Lunge. Eine Blockade des ACE2-Rezeptors erhöht damit das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und akutem Lungenversagen, also den häufigsten Todesursachen bei Covid-19. ACE2 ist übrigens auch die Andockstelle für SARS-Cov1, dem Virus, dass 2003 das deutlich tödlichere SARS auslöste. Bei SARS zeigte sich, dass die Lungen von Mäusen, die eine hohe Anzahl an ACE2-Rezeptoren besaßen besser gegen die Folgen von SARS geschützt waren [21].

SARS-Cov2 blockiert den ACE2-Rezeptor. Sind viele ACE2-Rezeptoren vorhanden, werden nicht alle blockiert und können weiterhin den Blutdruck regulieren und Blutgerinnsel vermeiden (Zeichnung von Annette Krop-Benesch)

Vitamin D hingegen erhöht die Menge an ACE2-Rezeptoren [24] und erhält damit ihre blutdrucksenkende Funktion möglicherweise länger aufrecht. Der ACE2-Rezeptor ist auch an der Produktion körpereigener Antioxidantien beteiligt, weshalb eine hohe ACE2-Rezeptorzahl besser gegen freie Radikale schützen sollte.

ACE2-Rezeptoren sind bei Männern und ältere Menschen in geringerer Anzahl vorhanden, also bei denen, die stärker durch Covid-19 gefährdet sind. Der ACE-Rezeptor spielt zudem eine Rolle bei Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht, alles Risikofaktoren für Covid-19. Ein erhöhter Blutdruck ist auch eine Gefahr für die Lunge. Gute Argumente also, auf einen guten Vitamin-D-Status zu achten und mit weiteren klinischen Studien den Nutzen bei schweren Covid-19-Fällen zu untersuchen. Nicht zuletzt, weil Vitamin D als Medikament kostengünstig ist und nur bei sehr hohen Dosen Nebenwirkungen verursacht.

Tipps für den Selbstschutz

Vieles, was ich hier zusammengefasst habe, zeigt den Nutzen von Melatonin und Vitamin D in der klinischen Therapie. Keine dieser Substanzen bietet einen absoluten Schutz, doch beide liefern einen entscheidenden Beitrag bei der Bekämpfung von SARS-Cov2. Hilfreich ist dabei, nicht erst auf den Ernstfall zu warten, sondern schon mal selbst vorzusorgen.

Rose Anne Kenny [25] Gesundheitsexpertin an der University Dublin, Irland, drückt die Sache so aus: „Die Indizien sind sehr stark […] wir haben keine randomisierten, kontrollierten Studien, aber wie lange wollen wir in einer solchen Krise warten? Wir wissen, dass Vitamin D wichtig ist für die Funktion der Skelettmuskulatur, die Leute sollten es also sowieso nehmen.

The circumstantial evidence is very strong […] we don’t have randomised controlled trial evidence, but how long do you want to wait in the context of such a crisis? We know vitamin D is important for musculoskeletal function, so people should be taking it anyway.

Rose Anne Kenny, University Dublin, Irland [25]

Auch Adrian Martineau [25], Autor der Lancet-Studie, die einen positiven Beitrag von Vitamin D bei der Abwehr von Atemwegsinfekten gefunden hat, empfiehlt diese Wirkung gegen Covid-19 zu nutzen, selbst wenn er darin nur einen von vielen Faktoren sieht, die den Krankheitsverlauf bestimmen.

Aber wie machen wir das am Besten – zumal ich Ihnen Lösungen ohne Zusatzkosten versprochen habe? Das fettlösliche Vitamin D ist in einigen Nahrungsmitteln enthalten, beispielsweise in fettem Fische wie Hering und Makrele, sowie, wenn auch in deutlich geringeren Mengen, in Leber und Eigelb. Über unsere Nahrung können wir nicht ausreichend Vitamin D aufnehmen. Unsere Hauptquelle ist die Sonne.

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Von März bis Oktober reicht die Sonneneinstrahlung in Deutschland [15] für eine gute Vitamin-D-Versorgung aus. Notwendig ist UV-B-Strahlung, die nur in den Mittagsstunden in nennenswerten Mengen vorhanden ist. Schatten und Wolken reduzieren die UV-B-Strahlung. Die Angaben darüber, wie lange wir in die Sonne bleiben sollen, variieren zwischen den Quellen, die DGE empfiehlt, täglich 5-25 Minuten ohne Sonnencreme mit unbedecktem Gesicht, Händen und Teilen von Armen und Beinen die Sonne zu genießen – auf jeden Fall kurz genug, um dabei keinen Sonnenbrand zu bekommen.

Wer zwischen März und Oktober regelmäßig Sonne tankt, kann es mit seinem Vitamin-D-Vorrat durch den Winter schaffen, andere können mit dem Hausarzt oder Apotheker über ein geeignetes Präparat sprechen. Es gibt derer viele, doch leider fehlt eine verbindliche Obergrenze des Vitamin-D-Gehaltes. Dosen von 4.000 I.E. und mehr können bei langfristiger Gabe zu Störungen im Calciumhaushalt mit Erbrechen, Durchfall, Kopf- und Gelenkschmerzen bis hin zu Nierensteinen führen. Vorsicht ist vor allem bei Präparaten aus dem Internet geboten: Immer wieder kommt es zu Vergiftungen[26], weil ein Präparat deutlich mehr Vitamin D enthält als angegeben. Welche Tagesdosis sinnvoll ist und ab wann Nebenwirkungen auftreten können, wird unter Fachleuten seit Jahren diskutiert. Wenn Sie ein Präparat nehmen möchten, sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt oder Apotheker, idealerweise lassen Sie Ihren Vitamin-D-Status überprüfen, was allerdings nicht von der Krankenkasse bezahlt wird.

Melatonin wird nur bei Dunkelheit gebildet, helle Tage unterstützen die Bildung jedoch deutlich. Für einen guten Tag-Nacht-Rhythmus ist es wichtig, sich tagsüber in hellen Bereichen aufzuhalten. Dazu gehören auch Innenräume. Gerade an sonnigen Tagen reicht das Licht an einem schattigen Platz völlig aus. An düsteren Tagen kann eine Tageslichtlampe helfen, aber bitte nur am Vormittag. Idealerweise erleben sie den Sonnenaufgang noch im Bett.

Abends gilt so wenig Licht wie möglich, und vor allem Augen weg von blauhaltigem Licht aus LEDs und Energiesparlampen, denn das unterdrückt die Melatoninbildung. Verwenden Sie Lichtquellen mit maximal 2700 Kelvin, je weniger, desto besser. Benutzen Sie Computer, Tablets, Smartphones oder E-Reader nur mit Nachtmodus sowie reduzierter Helligkeit und schalten Sie 1-2 Stunden vorm zu Bett gehen ab.

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Schlafen Sie in einem möglichst dunklen Schlafzimmer, nicht so dunkel, dass Sie sich unwohl fühlen, doch je dunkler desto besser funktioniert die Melatoninproduktion. Licht kann auch beim Einschlafen ablenken, manche Menschen liegen wegen eines Lichtpunktes an der Wand wach. Hören Sie auf Ihren eigenen Schlaf-Wachrhythmus statt auf einen Wecker und gönnen Sie sich ausreichend Schlaf. Sechs Stunden pro Nacht sind das absolute Minimum. Wann Sie am Besten schlafen hängt davon ab, ob Sie ein Früh- oder ein Spättyp sind. Mehr zum Thema Melatonin und Schlaf mit entsprechenden Quellenangaben finden Sie im Blogbeitrag Licht und Schlaf – oder warum wir (eigentlich) nachts schlafen.

Viele Biologen und Ärzte warnen davor, Melatoninpräparate ohne ärztliche Aufsicht einzunehmen. In Deutschland sind sie verschreibungspflichtig, in Österreich und den USA frei erhältlich. Bei frei verkäuflichen Melatonin-Produkten gibt es keine Garantie, dass der Körper das enthaltene Melatonin auch aufnimmt, da viele eine schlechte Bioverfügbarkeit aufweisen. Wird Melatonin am Tag oder in zu hohen Dosen eingenommen, kann es zu Störungen des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus kommen. Mögliche Nebenwirkungen sind Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen, auch kann künstliches Melatonin die Eigenproduktion stören. Verlassen Sie sich also besser auf ihre eigene Produktion.

Fazit

Julia Caesar via Unsplash

Unser Körper ist auf den Wechsel von Tag und Nacht, Licht und Dunkel, abgestimmt. Das Sonnenhormon Vitamin D und das Nachthormon Melatonin sind unverzichtbare Werkzeuge zum Schutz unseres Körpers vor Krankheiten. Vor uns liegt der Sommer, und auch wenn uns Kontakteinschränkungen noch weiter begleiten werden, sollten wir die Gelegenheit nutzen, um Sonne zu tanken. Nachts kann uns Dunkelheit Ruhe und erholsamen Schlaf liefern. Wenn wir dem Rhythmus des Lebens folgen und unsere Hormone ihre Arbeit machen lassen, uns sogar einen guten Vorrat für den Winter anlegen, können wir SARS-Cov2 eine bessere Abwehr entgegensetzen. Und das Beste: es kostet nichts und tut einfach gut.

Quellen

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  4. Reiter et al. 2020. Melatonin Inhibits COVID-19-induced Cytokine Storm by Reversing Aerobic Glycolysis in Immune Cells: A Mechanistic Analysis. Medicine in Drug Discovery 6: 100044.
  5. Zhang et al. 2020. COVID-19: Melatonin as a potential adjuvant treatment. Life Science 250: 117583.
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